Bild: Agnes Baldauf
In meinem Umfeld melden sich vermehrt Menschen, die mit ihrer Art und Weise zu agieren an Grenzen stoßen. In fast allen Fällen, vielleicht sogar in allen, benennen diese Menschen, dass sie diese Grenzen schon als Kinder und Jugendliche bemerkten bzw. aufgezeigt bekamen.
Von den Eltern hörten sie Sätze wie:
„Sei nicht so empfindlich“
„Was du schon wieder hast“
„Streng dich an“
„Stell dich nicht so an“
„Deine Geschwister / die anderen schaffen das doch auch“
und noch andere viele Varianten mehr.
Auch ich kenne den ein oder anderen solcher Sätze aus meiner Jugend. Von daher kenne ich auch die Reaktion auf solche Aussagen. Die Zweifel an den eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen. Das Gefühl anders zu sein, nicht dazu zu gehören bis hin zur Überzeugung falsch zu sein. Und vor allem auch Anpassung und Adaption der gewünschten Verhaltensweisen, denn irgendwie will man ja dazu gehören, geliebt sein bzw. nicht ausgeschlossen sein. Und als Kind nimmt man auch vieles als Gegeben hin, wenn das engste Umfeld etwas definiert.
Ich kann für meine Situation und meine Eltern sagen, dass mein Vater und meine Mutter (Jahrgang 1940 und 1942) mir mit einer Aussage wie „Sei doch nicht gleich beleidigt“ auf keinen Fall Böses wollten. Vielmehr nahmen sie die (Geschäfts-) Welt als hart wahr und wollten mich eher beschützen und mich wappnen auf das, von dem sie annahmen das mich erwartet.
Und in vielen Gesprächen stellt sich oft heraus, dass in den jeweiligen Familien systemische und typische Verhalten zu finden waren. Erziehung, Herkunft, Familiengeschichte und Traumata führten dazu, dass es so verlief, wie es verlief. Also seltenst war Böswilligkeit im Spiel.
Und diese perspektivisch andere Betrachtungsweise hilft beim Nachvollziehen, was geschah und beim Verstehen bzw. Verständnis aufbringen. Es erklärt vieles auch wenn es keine Entschuldigung sein soll, ist und muss für die erlebte Ungerechtigkeit oder gar Gewalt.
Doch es hilft dabei, sich und die Situation anzunehmen. Das ist ein Prozess und braucht seine Zeit. In diesem Prozess bin ich selbst bei mir angekommen. In der (Wieder-)Entdeckung meiner Fähigkeiten, Eigenschaften und Vorstellungen über ein Miteinander und Beziehungen. Auch half es mir, mit meinen Eltern Dinge zu besprechen und „gerade zu rücken“. Es war ein Friedensprozess für mich. Und ich kam zu einer inneren Klarheit und Stabilität, die dazu führte, die Menschen noch besser (oder leichter) mit all ihren Eigenheiten und Besonderheiten sich selbst SEIN zu lassen.
In den letzten Jahren (seit 2022 etwa) begegnen wir immer mehr Menschen, die über eine Diagnose auf ihre eigene Besonderheiten aufmerksam wurden. Ob das Bi-polar, Autismus, ADHS oder anders bezeichnet wird, sei hier zweitrangig. Eine andere Form der „Diagnose“ sind meiner Ansicht nach auch alle Formen der Charakterstrukturen-Analysen wie z.B. DISG oder Human Design.
All das sind Hilfsmittel, die uns sagen, wie wir ticken. Weshalb wir so sind wie wir sind. Was ich bei all dem schon immer wichtig fand, war die Frage: Was bedeutet das für mich und meinen Umgang mit meinem Gegenüber? Also der Umgang mit mir und meiner Verantwortung für mich und meine Selbstfürsorge. Sowie den Umgang mit dem Anderen und seinen Bedürfnissen. Gleichwohl im Bewusstsein, dass auch das Gegenüber in seiner Verantwortung bleibt.
Nach dem Prozess der Eigenerkenntnisse (in meinem Inneren) sind wir dann im Gestaltungsprozess der Beziehungen (im Außen).
Du ahnst schon, was das bedeutet. Eine beständige Reflexion, Übung und Entwicklung.
Wir leben in spannenden Zeiten. Denn wer sich diesem Bewusst-Seins- und Achtsamkeitsprozess stellt, wird merken, wie die Fülle allgegenwärtig wird.

